Der Nachbar

Der Nachbar ist zurück. Im Januar saß ich wie elektrifiziert vor dem Fernseher, habe keine Nachrichtsendung verpasst und habe mit den Tunesiern gefeiert. Im Februar habe ich mit den Ägyptern gebangt und gejubelt. Im März hat mich das Beben, die Welle und das Nukleardesaster in Japan geschockt. Ich hätte dabei fast übersehen, dass die Nordafrika-Revolution nun in Europa angekommen ist, genauer gesagt in Italien. Innerhalb weniger Wochen sind 20.000 Migranten aus Nordafrika auf der winzigen Insel Lampedusa angelandet. Die Italiener haben erst um europäische Solidarität gebeten, sie dann eingefordert und nun erzwungen: Italien hat den gestrandeten Tunesiern, mit denen ich noch vor drei Monaten getrennt durch die Mattscheibe auf die neue Freiheit angestoßen habe, eine dreimonatige Aufenthaltsgenehmigungen gegeben, damit sie weiterziehen können, vorwiegend nach Frankreich und Deutschland.

Europa war sicher ein Vorbild für viele Menschen in Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jordanien, Iran, Jemen oder Bahrain, die für Freiheit demonstriert und gekämpft haben. Doch während Nordafrika und die arabische Welt im historischen Wandel stecken zu bleiben droht, ist Europa und der “europäische Gedanke” schnell an die eigenen Grenzen gestoßen. Tunesier sind nicht willkommen, Ägypter & Co sind vergessen und die Libyer bringen nicht nur die Europäer zum Verzweifeln.

Frankreich hat im UN-Sicherheitsrat die Initiative ergriffen und Deutschland hat gekniffen. Es war wohl das erste Mal, dass ich unseren Außenminister sympathisch fand. Nun wirft die Nato bereits seit Wochen zum Schutz der Bevölkerung Bomben über Libyen ab und muss erklären, warum Muammar Gaddafi noch lebt und sie versehentlich Rebellen getötet hat.

Der Druck auf die Bundesregierung – international und intern – war aber zu groß, um dauerhaft seine traditionellen Partner in der EU, Uno und Nato durch militärisches Nicht-Handeln zu brüskieren. Offenbar ist Deutschland jetzt sogar bereit, Bodentruppen nach Libyen zu entsenden – zur Absicherung humanitärer Hilfe. Nun ist auch in Deutschland nicht mehr zu übersehen, dass die Nordafrika-Revolution vollends in Europa angekommen ist.

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