Der Nachbar

Trauern mit Polen

Es ist eine Katastrophe. Polen hat von einer Sekunde auf die nächste nicht nur seinen Präsidenten verloren, sondern einen Teil der “Elite der Nation”, wie es der frühere Präsident Lech Walesa formulierte. Als ich am Samstag die Nachrichten sah, konnte ich kaum glauben, was ich da hörte. Flugzeugabsturz? Kaczynski tot? Was versucht der Moderator dort zu erzählen?

Als erstes habe ich an meinen polnischen Freund gedacht, der in Kiew für eine EU-Delegation arbeitet. Ich wusste, dass er in diesem Moment voll Trauer und Schock sein musste. Viele Deutsche trauern so wie ich mit euch, habe ich ihm gesagt. Er war dankbar für die wenigen Worte.

Wenn ich heute all die möglichen Theorien über die Flugzeugabsturz lese – Waren’s die Russen? Stecken womöglich die Deutschen unter der Verschwörungsdecke? Oder war’s vielleicht der befehlshaberische Kaczynski selbst, der sich über alle Warnungen hinweggesetzt hat? – dann bin ich froh, meinem Freund sofort geschrieben zu haben. Eine solch unfassbare Tragödie schreit regelrecht danach, sie zu instrumentalisieren.

Dabei spielt das im Moment keine Rolle. Es ist sogar unbedeutend, wie man die Politik von Lech Kaczynski selbst eingeschätzt hat. Ich trauere mit den Polen.

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Comments

  1. Es ist ein Schock, wenn ein Land auf einen Schlag so viele Menschen aus der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Führungsebene verliert. Ich weiß nicht, ob es das überhaupt schon einmal gab. Die Trauer der Polen berührt mich sehr, auch die Art, wie sie trauern. Wenn es politische Meinungsverschiedenheiten zu einzelnen der Umgekommenen gab, so spielen sie im Moment keine Rolle. Trauer, Verehrung, Mitgefühl mit den Angehörigen, Fassungslosigkeit, dass das ausgerechnet vor einer geplanten Gedenkveranstaltung bei Katyn passieren musste. Als wäre der Ort nicht schon unheilvoll genug für Polen. Bleibt zu hoffen, dass Polen die Betroffenheit der russischen Führung als echt empfinden kann.
    Beeindruckend finde ich ebenso, dass viele Polen trotz ihrer Trauer ihre Kritikfähigkeit behalten und den geplanten Ort der Beisetzung von Ehepaar Kaczynski bei den Königsgräbern in Krakau nicht so ohne Weiteres nachvollziehen können.

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