Der Nachbar

Serbien will in die Europäische Union. Doch zuvor muss sich das Land seiner Vergangenheit stellen. Das noch nicht überwundene schwarze Kapitel ist das “verlorene Jahrzehnt” der 1990er Jahre, in dem Jugoslawien in Bürgerkriegen zerfallen ist. Das Massaker von Srebrenica (Bosnien), bei dem im Juli 1995 bis zu 8000 muslimische Jungen und Männer von bosnischen Serben umgebracht wurden, gilt dabei als das furchtbarste Verbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

“Sind unsere Opfer weniger Wert als die Opfer der muslimischen Seite?”

Ich habe vor wenigen Tagen mit dem Botschafter Serbiens ausführlich über dieses Thema gesprochen. Ivo Visković hat dabei deutlich gemacht, dass die Serben nicht bereit sind, die alleinige Schuld für die Kriegsverbrechen zu übernehmen. “Die meisten Menschen verstehen, dass es schrecklich war, was in Srebrenica passiert ist. Sie verstehen, dass Srebrenica ein Verbrechen war, das von Menschen begangen wurde, die in unserem sogenannten ‘Namen’ gehandelt haben. […] Andererseits erinnern viele Menschen daran, dass auch Tausende von Serben getötet wurden, sogar ganz in der Nähe von Srebrenica, und niemand erwähnt sie. Sie fragen: Sind unsere Opfer weniger Wert als die Opfer der muslimischen Seite?”, so Botschafter Visković.

“Wir müssen wissen, was los ist in Serbien.”

Der Präsident Serbiens, Boris Tadić, drängt auf einen möglichst schnellen EU-Beitritt und er weiß, dass eine öffentliche Verurteilung der Verbrechen in Srebrenica für ein besseres Image in Brüssel sorgen würde. Allerdings verweigern viele Politiker und Bürger dem Präsidenten die Gefolgschaft. Die vorgeschlagene Srebrenica-Resolution “hat die Parteien, die Politiker und die Bürger gespalten”, sagt Visković und erklärt, weshalb der Präsident sein politisches Schicksal an die Resolutionen zu Srebrenica gebunden hat:

“Wenn die Koalitionspartner nicht bereit sind, Tadić zu folgen, dann wird die Regierungskoalition zerfallen, und der Präsident Tadić würde dann zu vorgezogenen Neuwahlen aufrufen müssen. Dann würden wir sehen, was die Menschen wirklich denken. Wir müssen wissen, was los ist in Serbien. Ist es wirklich der Wille des Volkes, diese Resolutionen abzulehnen? Oder ist es nur der Wille von manchen Politikern, auch von solchen, die nicht fähig sind, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen? […] Wir müssen die Fakten akzeptieren, um dieses Kapitel abschließen zu können. Srebrenica muss abgeschlossen werden. Wir müssen unseren Teil der Verantwortung akzeptieren”, so Visković.

“Wir sind schon zu lange Gefangene Mladićs.”

Um dieses Kapitel auch vor der internationalen Gemeinschaft abschließen zu können muss Ratko Mladić, der als General der Vojska Republike Srpske für das Massaker in Srebrenica verantwortlich gewesen sein soll, festgenommen und vor das UN-Kriegsverbrechertribunal gebracht werden. Visković definiert die Festnahme Mladićs als Priorität des Präsidenten und zugleich als Voraussetzung für den EU-Beitritt Serbiens.

“Im Westen spekulieren viele Menschen, dass unser Präsident und unsere politische Elite Angst hat, ihn festzunehmen, weil es Demonstrationen gegen seine Verhaftung geben könnte. Das ist nicht wahr. Wir haben diese Erfahrung bereits im Fall von Radovan Karadžić gemacht. Als Karadžić verhaftet wurde, haben einige Hundert Menschen für einige Tage demonstriert, doch es ist nichts passiert. […] Wir haben keinen Grund, Mladić zu schützen. Wir sind schon zu lange Gefangene Mladićs. Vom Fall Mladićs hängt so viel für Serbien und seiner EU-Integration ab”, so Visković.

Im ausführlichen Interview mit Ivo Visković erläutert der Botschafter, weshalb die 1990er Jahre und der Beginn des 21. Jahrhundert für Serbien fast zwei verlorene Jahrzehnte sind. Außerdem spricht Visković über Serbiens innenpolitische Probleme auf dem Weg in die EU, über das Kosovo, über Vorurteile gegen die EU und über das Gefühl, zum “Kollateralschaden” der EU-Beitritte Rumäniens und Bulgariens zu sein.

Die englische Originalversion des Interviews gibt es hier als PDF.

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