Der Nachbar

Wenn ich rumänische Besuchergruppen durch Berlin führe, lachen sie ihre Roma-Landsleute aus. Das ist der günstigste Fall. Meist werfen sie hasserfüllte Blicke auf die Roma, machen einen großen Bogen um sie oder kommentieren ihre menschenverachtende Einstellung.

In Tschechien ergeht es manchen Roma so schlecht, dass sie fliehen. Viele haben in Kanada ihr Glück versucht. Zu viele, wie die kanadischen Behörden meinten; sie haben im Juli die Grenzen für die Tschechen wieder dicht gemacht. Das ist ein kleiner diplomatischer Skandal, denn es ist das erste Mal, dass ein Drittland einem EU-Staat die gewährte Visumfreiheit wieder entzieht.

Besonders frustriert ist Tschechien – und mit ihr die EU-Kommission -, dass ihre Bürger als Flüchtlinge anerkannt worden sind. Immerhin erhielten innerhalb der 18 Monate währenden Visumfreiheit 170 tschechische Roma einen positiven Asyl-Bescheid.

Es ist eine befremdliche Einstellung, dass EU-Bürger schon per Definition keinen Anspruch auf Asyl erheben sollten. Tschechien und die Kommission sollten ihre Kraft besser darauf verwenden, die Diskriminierung der Roma in Europa zu bekämpfen.

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Comments

  1. Rrom heißt Mensch – und der Fall der Rroma (Menschen) zeigt, wie sehr uns Sprachen und die Geschichte entzweit haben. Gerade in der kommunistischen Tschechoslowakei (CSSR und CSFR) wurde den Rroma durch Zwangsumsiedlung und Arbeitsverbote übel mitgespielt – und zugleich der Sozialneid der Gacia (Nichtrroma…) geweckt, weil sie vermeintlich vieles gratis bekamen.

    Heute aber gibt es zwar eine (gegeseitige) Ausgrenzung, die in der Slowakei und anderen Ländern fast an Apartheid grenzt. Aber es gibt keine systematische Verfolgung der Rroma – und auch keinen Grund, tschechischen Rroma politisches Asyl zu gewähren.

    Aber Kanadas Schotten-dicht-Aktion ist ein schwerer Fehler. So nämlich wecken die Kanadier jene in Tschechien, die in der Wirtschaftkrise Sündenböcke suchen. Der anhaltende Exodus der Rroma zeigt aber auch: Die Minderheitenpolitik der EU hat im Falle der Rroma versagt! Wenn es je einen Ansatz gegeben hat. Und der Europarat – der Menschenrechte verteidigen soll – weiß außer dem erhobenen Zeigefinger auch keinen Rat.

  2. Der Fall zeigt für mich vor allem eines: Europa ist ein kompliziertes Gebilde und auf Nachrichten wie diese gibt es deshalb auch nie eine einfache Antwort.

    Einerseits ist es richtig, dass die EU-Kommission das Recht aller EU-Bürger auf visafreie Einreise nach Kanada verteidigt und über Gegenmaßnahmen nachdenkt. Das kommt auch den tschechischen Roma zu Gute.

    Andererseits wirft die Reaktion Kanadas auch ein schlechtes Licht auf die EU-Länder selbst: Auch in Kanada werden Asylanträge gründlich geprüft und anerkannte Asylbewerber “kosten wertvolles Steuergeld”. Deshalb können wir annehmen, dass die Administration dort gute Gründe hatte, die Roma als Flüchtlinge anzuerkennen. Das hieße, dass Sie in Europa diskriminiert und verfolgt werden.

    Eine harte Schlussfolgerung. Aber eine, die uns nachdenklich machen sollte. Wir sollen eine Diskussion auch darüber führen, welche Standards wir in Europa für unserlässlich halten. Und nicht nur diplomatisch-logisch auf einseitige Schritte der Kanadischen Regierung reagieren!

    Sascha Götz
    http://www.moe-kompetenz.de

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