Kenan Kolat fordert festen EU-Beitrittstermin für Türkei
Soll die Türkei in die EU? Wollen die Türken überhaupt noch in die EU? Im jüngsten EU-Fortschrittsbericht für die Türkei hat die Kommission nicht mit Kritik gespart. Minuspunkte gab es für Einschränkungen der Meinungsfreiheit und anderer Bürgerrechte. “Häusliche Gewalt, Ehrenmorde und frühe Zwangsehen sind immer noch ernste Probleme.”
Das ist harter Tobak. Doch was denken die Türken in Deutschland über diese EU-Sicht? EurActiv.de hat Kenan Kolat, Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, gefragt.
Kolat stimmt dem EU-Bericht teilweise zu: So habe die Türkei in den vergangenen Jahren in den Bereichen Meinungsfreiheit, Bürgerrechte und Justizsystem teilweise “Rückschritte” gemacht. “Regierungskritische Medien geraten unter Druck, anders zu berichten… Das Parteiengesetz ist nicht demokratisch genug. Die Parteivorsitzenden wählen fast alle Abgeordneten persönlich aus.”
Ewige Gespräche führen ins Nichts
Trotzdem fordert Kenan Kolat “ein festes Datum” für einen EU-Beitritt der Türkei. “Diese ‘ewigen’ Gespräche führen ins Nichts”, so seine Kritik an der EU. Einzige Konsequenz; “Die Euphorie in der Bevölkerung für einen EU-Beitritt hat sehr stark abgenommen… Die Schwerpunkte der türkischen Außenpolitik liegen zurzeit eher im Nahen Osten, im Balkan und im Kaukasus. Das macht die Türkei zugleich für den Westen attraktiver.”
Frustration über CSU-Forderung
Die CSU wollte in den Koalitionsverhandlungen ein schriftliches Nein zum Türkei-Beitritt durchzusetzen. Für Kolat ein klarer Fall von Populismus. “Insofern habe ich das gar nicht ernst genommen. Aber natürlich beschäftigt das die türkischstämmigen Bürger. Die EU-Mitgliedschaft ist für uns eine zentrale Frage. Man ist enttäuscht, wenn gegen die Türkei Stimmung gemacht wird. Das wird auch als Affront gegen die türkische Minderheit in Deutschland verstanden und kommt der Integration nicht gerade zu Gute.
Angst und Bange wegen Sarrazin-Kommentar
Hart getroffen wurden Kolat und die türkische Gemeinde von den abfälligen Äußerungen des Bundesbank-Vorstands Thilo Sarrazin. Im EurActiv.de-Interview sagte Kolat: “Meine Mitarbeiter und ich bekommen viele Mails und anonyme Drohbriefe, auch von Nazis, die auf Sarrazin Bezug nehmen. Da wird mir Angst und Bange.”


