Der Nachbar

Je länger die Menschen in der EU sind, desto besser geht es ihnen. Vielleicht ist es aber auch anders herum: Erst wenn eine gewisse Lebensqualität in einem Land erreicht wird, dürfen die Menschen in die EU.

Als ich mir die Daten eines neuen UN-Berichts angeschaut habe, schien irgendwie beides richtig. Rita Süssmuth war gestern zusammen mit zwei UN-Vertretern in Berlin und hat den besagten “Bericht über die menschliche Entwicklung 2009” vorgestellt. Die vorgelegte Analyse basiert auf Daten von 2007 (also noch vor der Krise). Ich habe die deutsche Version durchgeblättert, im Netz ist allerdings nur die englische Version frei zugänglich.

Eigentlich dreht sich der Report um Migration und menschliche Entwicklung. Was Rita Süssmuth dazu gesagt hat, habe ich gestern für EurActiv.de aufgeschrieben. Spannend fand ich aber vor allem das Ranking nach dem sogenannten Human Development Index (HDI), der den Lebensstandard eines Landes widerspiegeln soll. Seit 1990 misst das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) diesen HDI.

Wie misst man den Lebensstandard? Das UNDP hat ein kompliziertes Berechnungsmodell und analysiert dabei z. B. wie hoch die Lebenserwartung in einem Land ist, wie die Bildungschancen sind und was sich ein Bürger von seinem Gehalt leisten kann. Wer es genau wissen will, klickt hier.

Beeindruckend fand ich im HDI-Ranking folgendes Schema: Alte EU-Staaten vor neuen EU-Staaten, vor EU-Kandidaten, vor EU-Möchtegern-Kandidaten. Natürlich bestätigen Ausnahmen wie etwa Island, das vor allen EU-Ländern gelistet wird, und Kroatien, das noch vor Litauen und Lettland rangiert, diese Regel.

Interessant ist doch, dass genau diese beiden Länder die besten Chancen haben, demnächst in die EU aufgenommen zu werden.

Auffallend ist auch, dass Bulgarien und Rumänien, also die zwei “neuesten EU-Mitglieder”, mit Abstand die Schlusslichter innerhalb der EU sind. Mit geringem Abstand folgen dann die EU-Kandidaten des Westbalkans: Montenegro, Serbien, Albanien, Mazedonien, Bosnien-Herzegowina. Den Abschluss machen der EU-Dauerkandidat Türkei und der EU-Möchtegern-Kandidat Ukraine.

Bei diesem Ranking stellt sich die Frage: Sorgt eine EU-Mitgliedschaft oder allein die Aussicht darauf für einen wachsenden Lebensstandard? Das wird von Beitrittsbefürwortern gern als Argument für weitere Erweiterungen angeführt. Also habe ich mir Vergleichszahlen des UN-Rankings von 2000 herangezogen, um Indizien für solche Effekte zu finden. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Während Irland und Spanien als Paradebeispiele für die positiven Effekte der EU-Mitgliedschaft gelten und sich das auch im Ranking widerspiegelt, ist Belgien (immerhin Gründungsmitglied der EU) im aktuellen Ranking im Vergleich zu 2000 eingebrochen und hat 12 Plätze eingebüßt. Auf der Verlierer-Seite stehen auch eine ganze Reihe weiterer alter und neuer EU-Länder – darunter auch Deutschland (-5 Plätze).

Und was ist mit den positiven Effekten durch eine Aussicht auf eine EU-Mitgliedschaft? Auch hier gibt es keine eindeutige Antwort. Während Albanien von 2000 bis zum aktuellen Ranking einen Sprung auf dieser Weltrangliste um 15 Plätze gemacht hat, haben etwa Mazedonien (-12) und die Ukraine (-11) heftig eingebüßt.

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